Genetische Ursachen spielen in der Gastroenterologie und Hepatologie bei deutlich mehr Erkrankungen eine Rolle, als es auf den ersten Blick erscheint. Neben klassischen hereditären Lebererkrankungen können auch rezidivierende Pankreatitiden, unklare Stoffwechselauffälligkeiten, monogene Diabetesformen und bestimmte Tumorerkrankungen Hinweise auf eine genetische Prädisposition sein.
Für die klinische Praxis sind insbesondere ungewöhnlich frühe Manifestationen, atypische Krankheitsverläufe, rezidivierende Erkrankungen, auffällige Laborparameter ohne ausreichende Erklärung sowie eine positive Familienanamnese wichtige Hinweise.
Eine genetische Abklärung kann dabei unterschiedliche Ziele haben: die Diagnose einer Erkrankung zu sichern, Differentialdiagnosen einzugrenzen, eine individuell angepasste Therapie zu ermöglichen oder das Erkrankungsrisiko für Angehörige zu klären.
Hämochromatose
Alpha-1-Antitrypsin-Defizienz
Morbus Wilson
- An Morbus Wilson sollte insbesondere bei ungeklärter Lebererkrankung im jungen Lebensalter gedacht werden.
Rezidivierende oder ungeklärte Pankreatitis
- Eine genetische Abklärung ist insbesondere bei frühem, rezidivierendem oder idiopathischem Verlauf sinnvoll.
Morbus Meulengracht (Gilbert-Syndrom)
- Typisch ist eine isolierte, unkonjugierte Hyperbilirubinämie bei ansonsten unauffälligen Leberwerten und ohne Hämolyse.
MODY-Diabetes
- Bei einem atypischen Diabetes sollte an eine monogene Ursache gedacht werden.
Hereditäre Tumorerkrankungen
- Bei gastrointestinalen Tumoren (Kolon-, Pankreas-, Magenkarzinom) sollte eine genetische Abklärung insbesondere bei jungem Erkrankungsalter, familiärer Häufung, mehreren Primärtumoren oder auffälliger molekularer Tumordiagnostik erwogen werden.
Glykogenspeichererkrankungen
- Eine genetische Abklärung kann bei ungeklärten metabolischen Auffälligkeiten mit Leber- oder Muskelbeteiligung sinnvoll sein.
Lysosomale Speichererkrankungen
- Bei ungeklärten multisystemischen Erkrankungen sollte auch an eine lysosomale Speichererkrankung gedacht werden.
Progressive familiäre intrahepatische Cholestase (PFIC)
- PFIC sollte insbesondere bei persistierender, ungeklärter und früh einsetzender Cholestase in Betracht gezogen werden.
Genetische Abklärung sollte insbesondere dann erwogen werden, wenn eine Erkrankung ungewöhnlich früh auftritt, rezidiviert, familiär gehäuft vorkommt, mehrere Organsysteme betrifft oder durch die Routinediagnostik nicht ausreichend erklärt werden kann.
Dabei gilt:
Klinischer Verdacht → gezielte Basisdiagnostik → Auswahl der passenden genetischen Untersuchung → Befundinterpretation im klinischen Kontext → ggf. genetische Beratung und Untersuchung von Angehörigen.