Benigne oder maligne? Wie molekulare Diagnostik bei melanozytären Borderlinetumoren Klarheit schafft
Warum reicht die Morphologie allein oft nicht aus?
Bei atypischen melanozytären Tumoren stößt die rein morphologische Beurteilung regelmäßig an ihre Grenzen. Studien zeigen, wie groß diese Unsicherheit ausfällt: Rund 57 % der pT1a-Melanom-Diagnosen stimmen nicht mit einer Referenzdiagnose überein (Elmore et al., BMJ 2017). Gleichzeitig gelten etwa 60 % aller bei weißen US-Amerikanern diagnostizierten Melanome als überdiagnostiziert (Adamson et al., JAMA Dermatology 2022), bei invasiven Melanomen sind es noch rund 30 % (Lindsay et al., Br J Dermatol 2024). Der Grund: Ähnliche Morphologie kann sehr unterschiedliche Tumorbiologie bedeuten und diese erfordert unterschiedliche klinische Konsequenzen.
Was leistet Next-Generation-Sequencing in diesem Kontext?
NGS ermöglicht die parallele Untersuchung multipler Gene und liefert damit einen deutlich höheren Informationsgehalt als die Sequenzierung einzelner Gene, etwa mittels Sanger-Sequenzierung. Der Nutzen beschränkt sich dabei nicht auf hochspezialisierte Zentren: Bei spitzoiden Läsionen führten ergänzende NGS-Daten in 57,6 % der Fälle zu einer Diagnoseänderung,sowohl bei Dermatopatholog:innen als auch bei Allgemeinpatholog:innen (Roth et al., J Cutan Pathol 2022). Zu berücksichtigen sind allerdings auch die Grenzen der Methode: Standardpanels sind meist nicht speziell auf melanozytäre Tumoren zugeschnitten, die DNA-Sequenzierung deckt Genfusionen in der Regel nicht ab, und die Ergebnisse müssen medizinisch bewertet werden, die funktionelle Konsequenz einer Variante ist nicht immer auf den ersten Blick eindeutig. Gerade bei spitzoiden Läsionen lohnt sich deshalb der zusätzliche Blick über ein RNA-Fusionspanel: Hier liegt häufig eine Genfusion als molekularer Driver zugrunde, sodass der diagnostische Nutzen einer gezielten Fusionsdiagnostik in dieser Gruppe besonders hoch ist.
Fall 1: Verdacht auf dysplastischen Nävus am Unterschenkel
Bei einem 52-jährigen Mann fällt eine Läsion am rechten Unterschenkel mit Verdacht auf einen dysplastischen Nävus auf. Die molekulare Zusatzdiagnostik zeigt eine pathogene, aktivierende TERT-Promotor-Variante sowie einen wahrscheinlich pathogenen Verlust von CDKN2A, ergänzt durch Verluste in SMARCA2, PTPRD und PPP6C. Die ermittelte Tumormutationslast liegt mit 10,2 Mutationen pro Mb im hohen Bereich, hinzu kommen acht Kopienzahlveränderungen. Mutations- und Kopienzahlanalyse sprechen in der Zusammenschau eindeutig für ein malignes Melanom.
Fall 2: Verdacht auf Basalzellkarzinom am Knie
Bei einem 62-jährigen Mann besteht klinisch der Verdacht auf ein Basalzellkarzinom am Knie. Eine extern durchgeführte FISH-Diagnostik zur Dignitätsabklärung bleibt zunächst unauffällig. Die anschließende NGS-Analyse zeigt jedoch ein anderes Bild: pathogene, aktivierende Varianten in TERT und HRAS sowie eine wahrscheinlich pathogene GNAQ-Variante, bei einer hohen Tumormutationslast von 16,1 Mutationen pro Mb und multiplen Kopienzahlveränderungen. Die finale Diagnose lautet malignes Melanom mit einer Tumordicke von 1,5 mm, pT2a, ein Befund, der ohne die molekulare Diagnostik möglicherweise unentdeckt geblieben wäre.
Fall 3: Wenn ein auffälliger Genbefund nicht automatisch Malignität bedeutet
Ein dritter Fall zeigt die andere Seite der Medaille. Hier finden sich pathogene, aktivierende Varianten in BRAF und MAP2K1 – auf den ersten Blick ebenfalls Warnsignale. Die Tumormutationslast liegt jedoch mit 3,3 Mutationen pro Mb im niedrigen Bereich, Kopienzahlveränderungen fehlen vollständig. Die finale Diagnose lautet entsprechend nicht Melanom, sondern MAP2K1-mutiertes Melanozytom – eine benigne Entität. Der Fall unterstreicht, dass nicht die einzelne Variante, sondern das Gesamtbild aus Mutationsprofil, Tumormutationslast und Kopienzahlstatus über die Dignität entscheidet.
Wann lohnt sich der Griff zur molekularen Diagnostik?
Eine hohe Interobserver-Variabilität bei der Beurteilung melanozytärer Borderlineläsionen ist keine Ausnahme, sondern in der Praxis eher die Regel. In einer entsprechenden Auswertung erhielten rund 30 % der untersuchten Tumoren durch NGS eine andere Dignitätsbewertung als zuvor durch die beteiligten Pathologinnen und Pathologen. Als Indikationen für eine molekulare Zusatzdiagnostik kristallisieren sich insbesondere heraus: die Abgrenzung schwer dysplastischer Nävi von malignen Melanomen, atypische spitzoide Tumoren, die Unterscheidung Pseudomelanom versus malignes Melanom, atypische melanozytäre Rezidivtumoren, intermediäre Tumoren beziehungsweise Melanozytome sowie Borderlinetumoren mit diffuser PRAME-Expression.
Die drei Fälle machen deutlich: Molekulare Diagnostik liefert in der Dignitätsbeurteilung melanozytärer Tumoren keine Nebeninformation, sondern häufig die entscheidende zusätzliche Evidenz, in die eine wie in die andere Richtung.
Autorin
Dr. rer. nat. Sibylle Cocciardi
Wissenschaftliche Mitarbeiterin Molekulargenetik
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Gastautor
Maximilian Gassenmaier
Ärztlicher Leiter & Geschäftsführer bei MVZ DermatoHistoPathologie Heidelberg GmbH
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