Sarah (Name geändert) ist ein fröhliches, neugieriges Mädchen von dreieinhalb Jahren. Sie liebt den Kindergarten, Besuche bei ihrer Oma und das Spielen auf dem Spielplatz. Auf den ersten Blick ist nicht zu erkennen, dass sie Trägerin einer Genveränderung ist, die ihr Leben und das ihrer Familie grundlegend beeinflusst.
Schwangerschaft und Diagnosestellung
Schon während der Schwangerschaft standen Sarahs Eltern unter erheblichem Druck: Wegen auffälliger Ultraschallbefunde wurde ihnen wiederholt zu einer invasiven Diagnostik geraten – mit dem Verdacht auf ein Down-Syndrom. Aus Sorge vor Komplikationen entschieden sie sich dagegen. Sarah kam in der 34. Schwangerschaftswoche per Kaiserschnitt zur Welt. Es bestätigten sich mehrere der pränatal vermuteten Auffälligkeiten: eine Nierenagenesie rechts mit Doppelniere links, eine Duodenalatresie infolge eines Pankreas anulare, ein persistierender Ductus arteriosus, tief angesetzte Daumen und eine Mikrozephalie. In den ersten Lebensmonaten folgten mehrere Operationen und eine medikamentöse Behandlung einer Hypothyreose.
Sarahs kognitive und motorische Entwicklung verlief deutlich besser als von vielen Ärzt:innen erwartet. Trotz ausgeprägter Mikrozephalie entwickelte sie sich weitgehend altersgerecht. Der Verdacht auf ein Down-Syndrom bestätigte sich nicht; weiterführende genetische Untersuchungen führten schließlich zur Diagnose einer FANCE-assoziierten Fanconi-Anämie.
Fanconi-Anämie – eine seltene, komplexe Erkrankung
Die Fanconi-Anämie ist eine sehr seltene, genetisch bedingte syndromale Erkrankung, die bei etwa einem von 136.000 Neugeborenen auftritt. In einigen afrikanischen Regionen wird sie etwas häufiger beobachtet, während sie in europäischen Ländern deutlich seltener vorkommt.
Ursache sind pathogene Veränderungen in einem von mittlerweile über 23 bekannten Genen, die für die DNA-Reparatur entscheidend sind.
Bei Sarah wurden zwei krankheitsverursachende Veränderungen im FANCE-Gen identifiziert – je eine von der Mutter und vom Vater. Schätzungen zufolge tragen nur 1,2 % aller Menschen mit einer Fanconi-Anämie Veränderungen in diesem Gen.
Der Funktionsverlust führt zu einer erhöhten genetischen Instabilität, da DNA-Schäden nicht mehr zuverlässig repariert werden können. In der Folge besteht ein deutlich erhöhtes Risiko für die Entstehung hämatologischer Erkrankungen wie Knochenmarksversagen oder hämatologische Neoplasien wie myelodysplastisches Syndrom (MDS), akute myeloische oder lymphatische Leukämie (AML/ALL) sowie aplastische Anämie (SAA). Auch solide Tumoren, insbesondere im Mund- und Rachenbereich, treten gehäuft auf.
Etwa ein Drittel der Betroffenen weist angeborene Fehlbildungen auf – unter anderem an Daumen, Wirbelsäule, Augen oder inneren Organen. Häufig finden sich zudem Störungen der hormonproduzierenden Drüsen, die zu Mangelzuständen von Wachstums-, Schilddrüsen- oder Geschlechtshormonen oder zu einem Diabetes mellitus führen können.
Das klinische Bild variiert jedoch stark: Selbst Familienmitglieder mit denselben genetischen Veränderungen können unterschiedliche Ausprägungen zeigen (variable Penetranz).
Therapie und Alltag
Sarah zeigt aktuell eine mittelschwere Neutropenie und Thrombopenie. Eine Knochenmarktransplantation wird in absehbarer Zeit notwendig werden; ein passender Fremdspender konnte bislang nicht gefunden werden. Daher wird geprüft, ob ihr Vater als Spender in Betracht kommt.
Für die Familie bedeutet die Erkrankung eine enorme Belastung: regelmäßige Termine bei Hämatolog:innen, HNO-Ärzt:innen, Kardiolog:innen, Ophalmolog:innen und Endokrinolog:innen gehören zum Alltag. Trotz all dieser Herausforderungen wirkt Sarah fröhlich und lebenslustig – die Krankheit ist ihr kaum anzusehen.
Ein weiterer Kinderwunsch
Sarahs Eltern wünschen sich ein weiteres Kind und erwägen eine Präimplantationsdiagnostik (PID). Da die Fanconi-Anämie autosomal-rezessiv vererbt wird, besteht eine Wahrscheinlichkeit von 25 %, dass ein weiteres Kind betroffen wäre. Die PID würde im Rahmen einer medizinisch assistierten Befruchtung ermöglichen, nur Embryonen, bei denen nicht beide familiäre FANCE-Veränderungen vorliegen, zu transferieren.
Wie in allen Fällen in Deutschland wird eine Ethikkommission über die Genehmigung oder Ablehnung der PID in dieser Familie entscheiden.
Autorin
Dr. med. Julia Bosbach
Ärztin in Weiterbildung
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