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Fälle aus der medizinischen Praxis

Triplo-X-Syndrom: Häufig, unterschätzt und klinisch relevant für die Praxis

Das Triplo-X-Syndrom, auch als Trisomie X bezeichnet, ist eine gonosomale Aneuploidie, bei der Mädchen und Frauen ein zusätzliches X-Chromosom aufweisen (Karyotyp 47,XXX). Mit einer Prävalenz von etwa 1:800 bis 1:1.000 Geburten gehört es zu den häufigeren genetischen Veränderungen. Es ist die häufigste Chromosomenanomalie bei Frauen – und bleibt dennoch häufig unerkannt, da ein Großteil der Betroffenen nicht diagnostiziert ist, unter anderem auch wegen der häufig eher milden Symptomatik.

Die Entstehung der Trisomie X beruht in der Regel auf einer Fehlverteilung der Chromosomen während der Meiose (Non-Disjunction), wodurch bei betroffenen Frauen drei X-Chromosomen auftreten. Zwar wird – wie bei Frauen üblich – ein Großteil der X-Chromosomen inaktiviert, jedoch entgehen etwa 15 % der X-chromosomalen Gene dieser Inaktivierung. Dies führt zu einer erhöhten Genexpression. Dies ist u.a. auch für Gene der Gehirnentwicklung relevant.

Die klinische Ausprägung ist sehr variabel und oft subtil, umfasst jedoch relevante kognitive, soziale und neurobiologische Besonderheiten.  Viele Betroffene sind körperlich unauffällig, möglich sind jedoch eine überdurchschnittliche Körpergröße, eine sprachliche und teils auch motorische Entwicklungsverzögerung sowie milde Dysmorphiezeichen.  Zudem können auch kognitive und neuropsychologische Auffälligkeiten vorliegen. Studien zeigen insbesondere eine leichte Intelligenzminderung mit Schwerpunkt im verbalen Bereich, Aufmerksamkeitsstörungen sowie Einschränkungen in exekutiven Funktionen. Von besonderer Bedeutung sind soziale und emotionale Aspekte. Betroffene zeigen teils autistische Merkmale, soziale Unsicherheiten sowie Schwierigkeiten in der zwischenmenschlichen Interaktion. Gleichzeitig kann ein erhöhtes Risiko für psychiatrische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, oder seltener, psychotische Störungen bestehen.

Im September 2025 fand am genetikum in Neu-Ulm zum 20-jährigen Bestehen der Triplo-X- Kontaktgruppe erneut ein Treffen für Betroffene und deren Familien statt. Die Kontaktgruppe wurde im Jahr 2005 von betroffenen Eltern mit Unterstützung des genetikum mit dem Ziel gegründet, Familien miteinander zu vernetzen, einen Austausch untereinander zu ermöglichen und auch die Forschung zu diesem Thema voranzubringen.  

In Zusammenarbeit mit der Universität Trier wurden in den vergangenen Jahren mehrere Studien durchgeführt, deren Ergebnisse den Betroffenen weiterhelfen können. So liefern die Ergebnisse der aktuellen Studien neue Erkenntnisse und Einblicke in die zugrunde liegenden Mechanismen und das klinische Profil betroffener Mädchen und Frauen.

Beim Treffen im September wurden die Ergebnisse einer aktuellen Studie vorgestellt. Dabei wurden Veränderungen der Gehirnstruktur bei Frauen mit Triplo-X nachgewiesen. Eine voxelbasierte Morphometrie identifizierte ein reduziertes Volumen der grauen Substanz in Regionen, die mit sozialer Kognition und emotionaler Regulation verbunden sind, wie dem Hippocampus, der Amygdala, den Basalganglien und dem Kleinhirn.

Auch eine verringerte kortikale Dicke wurde festgestellt, allerdings weniger ausgeprägt. Das Volumen der grauen Substanz in Amygdala und Hippocampus stand in positivem Zusammenhang mit der selbstberichteten Empathie und in negativem Zusammenhang mit Angst und Depression, was darauf hindeutet, dass diese strukturellen Veränderungen emotionale und soziale Kompetenzen beeinflussen. Ein reduziertes Volumen des Kleinhirns könnte die motorischen und koordinativen Schwierigkeiten erklären, die häufiger bei Mädchen und Frauen mit 47,XXX beobachtet werden. Die Ergebnisse liefern einen möglichen neurobiologischen Erklärungsansatz für die häufiger beobachteten sozialen und kognitiven Auffälligkeiten bei Mädchen und Frauen mit Triplo-X.

Eine weitere Studie fokussierte sich auf das psychosoziale Profil erwachsener Frauen mit Triplo-X-Syndrom. Im Vergleich zu Kontrollpersonen zeigten sich insbesondere erhöhte soziale Ängstlichkeit, vermehrte autistische Merkmale sowie eine reduzierte Empathiefähigkeit. Gleichzeitig unterschieden sich allgemeine kognitive Fähigkeiten, Depression und Angst in der Gesamtausprägung nicht signifikant von der Kontrollgruppe. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass vor allem soziale Interaktion und zwischenmenschliche Kompetenzen zentrale Herausforderungen darstellen.

Für die klinische Praxis ergeben sich daraus wichtige Implikationen: 
Das Triplo-X-Syndrom sollte insbesondere bei unklarer Entwicklungsverzögerung, Sprachauffälligkeiten, sozialen Interaktionsstörungen oder psychiatrischen Symptomen differenzialdiagnostisch berücksichtigt werden. Auch bei milden oder unspezifischen Verläufen kann eine genetische Diagnostik zur Klärung beitragen.

Die frühzeitige Diagnose ermöglicht eine gezielte Förderung, beispielsweise durch logopädische, neuropsychologische oder sozialtherapeutische Maßnahmen. Darüber hinaus ist sie essenziell für eine fundierte genetische Beratung und langfristige Betreuung.

 

Weiterführende Informationen

Studien

https://jneurodevdisorders.biomedcentral.com/articles/10.1186/s11689-025-09608-6

https://jneurodevdisorders.biomedcentral.com/articles/10.1186/s11689-025-09631-7

Website Kontaktgruppe

https://www.triplo-x.de/index.php

Presseartikel

https://genetikum.de/fileadmin/Veroeffentlichungen/TripleXXX-SWP28.11.25.pdf

 

 

 

 

 

Autorin
Dr. rer. nat. Petra Freilinger, MBA

Genetic Counselor

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